März 2010

Rundschreiben Nr. 38

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Chymotrypsin-Update
und kurzer Überblick zur Pankreas-Insuffizienz
bei Hund und Katze

(Siehe dazu auch nach stehenden Kommentar: „Vom Chymotrypsin redet keiner mehr“)

Ätiologie

Das exokrine Pankreas synthetisiert und sezerniert den größten Teil der für die Verdauung der Nahrung erforderlichen Enzyme wie Amylase, Lipase, Elastase, Ribonuklease, Chymotrypsin, Trypsin und Carboxypeptidase, in Form von inaktiven Vorstufen, die erst im Dünndarm in ihre aktive Form umgewandelt werden.

Wird dieser Schutzmechanismus durchbrochen ist eine Selbstverdauung des exokrinen Pankreas mit einem nachfolgenden Entzündungsgeschehen und einer Pankreatitis die Folge. Die chronische Pankreatitis führt im Endstadium zu einer exokrinen Pankreasinsuffizienz (EPI). Bei der Katze ist dies vermutlich die häufigste Ursache einer EPI, häufig begleitet von einem Diabetes mellitus.
Beim Hund wird die Azinus-Atrophie als häufigste Ursache einer EPI angenommen, wobei die endokrine Funktion seltener betroffen ist. Es wurde eine Rasseassoziation der EPI für Chow-Chow, King Charles Spaniel, Langhaar-Collie und Deutschen Schäferhund nachgewiesen.

Im Verlauf einer chronischen Pankreatitis und speziell bei einer EPI nimmt die Enzymsekretion der Azinuszellen drastisch ab, was zu einer stark reduzierten Nahrungsverwertung und dem typischen Symptombild mit Gewichtsverlust, Polyphagie und gesteigerten Mengen von hellem Kot führt.

Labordiagnostische Verfahren

Aufgrund der stark verminderten Ausschüttung der Pankreas-Enzyme, sollte der Nachweis der reduzierten pankreasspezifischen Enzymaktivitäten im Kot die beste diagnostische Aussage hinsichtlich einer EPI erlauben. Die kolorimetrische Bestimmung der Chymotrypsin-Aktivität im Kot des Hundes war auch die erste labordiagnostische Bestimmung dieser Art, die in der 1980er Jahren für die EPI-Diagnostik etabliert wurde. Sie wurde mit einem kommerziellen Chymotrypsin-Testkit aus der Humanmedizin durchgeführt, der für die Anwendung beim Hund validiert worden war (Reusch, 1986).
Durch die Einführung des TLI-Testes wurde die Diagnostik aus Serum ermöglicht, und dieser bei uns inzwischen automatisierte Test hat nach allen wissenschaftlichen Studien die höchste diagnostische Relevanz hinsichtlich der Erfassung einer EPI beim Hund.

1999 wurden erste Ergebnisse mit einem neuen caninen Kot-Elastase-Test bekannt, der in den folgenden Jahren durch eine intensive Marketing-Kampagne eingeführt wurde. Der wissenschaftliche Nachweis einer gegenüber der Chymotrypsin-Bestimmung höheren diagnostischen Sensitivität und Spezifität ist bis heute aber nicht erbracht worden. (Es liegt uns dazu eine einzige Untersuchung vor, bei der im Kot die Chymotrypsin-Aktivität von 10 Hunden (!) mit EPI mit der Elastase-Konzentration von 43 Hunden mit EPI verglichen wurde, Spillmann et al., 1999).

Unsere Empfehlungen

Wir führen die Bestimmung der Chymotrypsin-Aktivität im Kot bei Hund und Katze seit fast 18 Jahren durch, unterbrochen nur von einer kurzen "Elastase-Episode". Kürzlich haben wir den Chymotrypsin-Test methodisch überarbeitet - er korreliert bei der Katze mit der gesamtproteolytischen Aktivität im Kot - und wir können ihn bei Verdacht einer Insuffizienz des exokrinen Pankreas bei Hund (in Verbindung mit dem Serum-TLI) und Katze ohne Einschränkung empfehlen.

Ebenso gilt nach wie vor der von Reusch (1986) gegebene Hinweis zur optimalen Abgrenzung der EPI von anderen nicht pankreasbedingte Darmerkrankungen durch die Untersuchung der Chymotrypsin-Aktivität von 2-3 Kotproben aus unterschiedlichen Absetzungen.

Bei gesicherter EPI-Diagnose empfiehlt sich eine Überprüfung der Vitamin B12-Serumkonzentration, da eine große Anzahl von Hunden und fast alle Katzen an Cobalamin-Mangel leiden und neben der Therapie mit Pankreas-Extrakt dann auch eine Zuführung von Cobalamin erhalten sollten (Steiner, 2006).

 

Geänderte Dienstzeiten ab April

Ab 12. April ist das Labor montags nur noch von 16-18 Uhr geöffnet. In dieser Zeit werden nur Notfälle bearbeitet und sind wir für Auskünfte und Beratung erreichbar. Unser Abholdienst kann ganztägig (ggf. über Anrufbeantworter) angefordert werden. Die Öffnungszeiten an den übrigen Arbeitstagen bleiben unverändert.

Dienstzeiten:
Montag: 16 - 18 Uhr
Dienstag - Freitag: 8 - 18 Uhr
Samstag: 8 - 13 Uhr

Neue Analysen

  • C-reaktives Protein (CRP) beim Hund
    Seit einigen Jahren gibt es auch beim Hund vermehrt Studien zur diagnostischen Relevanz des akute Phase-Proteins CRP, die dessen Eignung zur Diagnostik und Verlaufskontrolle entzündlicher Aktivitäten (Pyometra, akute Pankreatitis, Arthritis, Glomerulonephritis) aber auch bei Infektionen (Leptospirose, Babesiose, Parvovirose) und bei malignen Tumoren (Lymphome, Leukämien) belegen. CRP ist ab sofort Bestandteil des Profils "Hund Altersvorsorge".
     
  • Galaktomannan zur Aspergillose-Diagnostik bei Vögeln, auf Anregung von Professor Hatt (Zooklinik der Universität Zürich), evaluiert und eingeführt. Es ist aber auch bei Hund, Katze und Pferd einsetzbar.
    Galaktomannan ist ein Polysaccharid aus der Zellwand von Aspergillus fumigatus, das während der logarithmischen Wachstumsphase der Aspergillus–Hyphen freigesetzt wird. Bei einer invasiven Aspergillose ist es in der Zirkulation nachweisbar.
    Aufgrund des häufigen Vorkommens einer Aspergillose bei Ziervögeln, ihrer aber schwierigen klinischen Diagnose steht der Vogelmedizin mit der Galaktomannan-Bestimmung aus Heparin-Plasma (Mindestmenge 80 µl) eine sinnvolle Untersuchung zur Verfügung.
    Bei Hund, Katze und Pferd empfehlen wir die Galaktomannan-Bestimmung nach vorausgegangenem positivem Aspergillus-Antiköpernachweis.
     
  • Nachweis von Bence-Jones-Proteinen mittels Urineiweiß-Elektrophorese (nach vorausgehender Konzentrierung des Urins), als Erweiterung unserer Plasmozytom-Diagnostik
     
  • Neue PCR-Verfahren
    Nachweis von Toxoplasma gondii-DNA und Neospora caninum-DNA aus Liquor, Gewebe oder Kot

    Am 7. April 2010 erscheint die Neuauflage unseres Untersuchungsformulars, das alle neuen Analysen enthält.

 

Kommentar: „Vom Chymotrypsin redet keiner mehr!“

Dieses Frühjahr trägt man Lila und Grün, andere Farben wie Pink sind aus der Mode. So ergeht es in der Veterinärdiagnostik dem Chymotrypsin, „von dem keiner mehr redet“, wie es ein Teilnehmer der 22. Baden-Badener Fortbildungstage ausdrückte. Es ist eben aus der Mode gekommen - und das nicht erst seit diesem Frühjahr.

Die Wirkung neuer Produkte auf die Konsumenten ist auch in der tiermedizinischen Diagnostik nicht zu übersehen. Allein schon ein eingängiger neuer Analysenname, eventuell mit dem Hinweis auf die Verwendung monoklonaler Antikörper, wird wie eine neue Modefarbe zum willkommenen Gesprächsthema. Vervielfacht und umsatzrelevant wird die Wirkung aber erst durch dessen Präsentation auf dem Laufsteg von Tagungen und Fortbildungen durch die "Gottschalks" der Szene.

Ohne den Tribut an die aktuelle Mode wie "ELISA"’, "monoklonale Antikörper" oder "PCR" wird es auf einer größeren Tagung kaum ein Vortrag an die Spitze der Beliebtheitsskala schaffen. Dass der wissenschaftliche Nachweis für eine höhere diagnostische Relevanz des angepriesenen neuen Testverfahrens dann nicht selten in den Hintergrund tritt, ist den Machern meist kein Dorn im Auge.

Das Chymotrypsin betreffend können sich dessen neue Konkurrenten von Elastase bis fTLI jedenfalls bisher nicht mit wissenschaftlichen Vergleichsdaten schmücken.

Wir freuen uns über jeden wissenschaftlich-technischen Fortschritt, der sich in neuen, verbesserten Testverfahren niederschlägt und beteiligen uns auch an deren Entwicklung im Rahmen unserer Möglichkeiten. Entscheidend für uns ist die nachprüfbare höhere diagnostische Qualität eines Testes, nicht die schillernde, modische Farbe des Werbeprospektes oder die Zahl der Anhänger.

Deswegen ist die Chymotrypsin-Bestimmung bei uns immer noch zu haben und up to date!


Dr. Werner Müller